NADESHDA – „Musik statt Strasse“

Sliven, eine Stadt mit 90.000 Einwohnern in Bulgarien, hat ein Viertel jenseits der Bahngleise, das von Bulgaren, Türken, Griechen und Roma bewohnt wird. Es wird Nadeshda genannt, was übersetzt Hoffnung heißt. Im Sozialismus wurde eine Mauer um dieses Viertel errichtet. Dies geschah vermutlich, um zu verhindern, dass die Menschen in den Touristenzügen auf dem Weg in den Urlaub am Schwarzen Meer durch den Anblick von Armut belästigt werden. Bevor die Mauer errichtet wurde, hat man eine Zeit lang wohl Züge davor abgestellt. Heute fahren hier kaum mehr Züge, der Sozialismus ist hinfällig aber die Mauer steht immer noch. 

Es gibt einen einzigen Tunnel unter den Bahngleisen hindurch, der Nadeshda (Hoffnung) mit der Stadt Sliven verbindet. Der Tunnel ist ca. 80 Meter lang und ohne Beleuchtung. Nachts geht man mit einer Taschenlampe hindurch, so man eine besitzt und sich traut. Oder man wartet, bis jemand mit einer Lampe kommt. 

Jeden Morgen schwärmen die Kinder des Vororts aus, entweder, um in die Schule zu gehen oder um die Mülltonnen der Stadt nach Verwertbarem zu durchwühlen. 

Etwa 30 Kinder des Ghettos bekommen durch das Projekt Musik statt Straße zweimal pro Woche Musikunterricht und etwas zu Essen. Manche Kinder, die am Projekt teilnehmen, kommen hin und wieder nur wegen einer Mahlzeit. Aber sie lernen mehr als „nur“ Musik machen.

Sie lernen, was sie vielleicht später befähigt, ein Leben in Würde mit einem eigenen Einkommen zu führen und aus der Perspektivlosjgkeit ihres Viertels auszubrechen. 

Es sind Kinder, die erleben dürfen, dass ihnen mit Respekt und Würde begegnet wird. Sie lernen mit Disziplin eine Aufgabe anzugehen und was es heißt, mit anderen gemeinsam zu arbeiten. Auch wird das eine oder andere musikalische Talent entdeckt und von Musik statt Straße weiterhin begleitet und gefördert. 

Die hochqualifizierten Lehrer – viele von Ihnen sind Mitglieder im Slivener Orchester – eröffnen den Kindern eine Perspektive, gefördert und finanziert durch das Projekt Musik statt Straße. Ein Projekt bedeutet auch Verantwortung zu übernehmen, die über den Unterricht hinausgeht. So wird bei Krankheit ggf. eine medizinische Versorgung finanziert. Oder bei Kälte, wenn das Holz zur Neige geht, werden die Familien mit Brennmaterial unterstützt. Haupt-Initiatoren des Projekts Musik statt Straße sind der aus Sliven stammende Georgi Kalaidjiev (ehemals Geiger am Phjlharmonischen Orchester Gießen) und Maria Hauschild (Magisterpädagogin in der psychosozialen Beratung). Ihrer Arbeit und den Spendem für Musik statt Straße ist es zu verdanken, dass Kinder aus einem Ghetto in Bulgarien fernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Vielleicht wird das nicht bei jedem gelingen, aber der Name Nadeshda steht für diese Kinder tatsächlich für Hoffnung. 

RoIf K. Wegst Mai 2015

aus dem Bildband
Musik statt Straße – Eine Fotoreportage von Rolf K. Wegst 2015

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