„Ihre Medizin ist rau und schmutzig“

Die Gießener Band „Bluesdoctor“ hat ein neues Album eingespielt. Die Erlöse gehen an die Aktion „Musik statt Straße“.

Von Heiner Schultz
Gießener Anzeiger vom 4.6.2020

GIESSEN. Seit mehr als 20 Jahren besteht die Gießener Band „Bluesdoctor“ in nahezu unveränderter Zusammensetzung. Jetzt tritt das Quartett mit einer neuen CD an die Öffentlichkeit. „Blues From The Timbered House“ heißt das Werk. Der Erlös fließt an die Aktion „Musik statt Straße“ des Gießener Violinisten Georgi Kalaidjiev.Hartmut Dietrich (Harp, Gesang), Thomas Geis (Gitarre), Christoph Handrack (Gesang, Piano, Orgel) und Manfred Jung (Drums) haben sich unverbrüchlich dem Blues verschrieben, und das man merkt man, wenn man ihre CD anhört oder sie live erlebt. Definitiv rau, schmutzig und emotional klingt das. Attribute, die mit dem urwüchsigen, traditionellen Blues verbunden werden.

„Wir hatten Mitte der 80er Jahre eine Band namens ,Taktlos‘, die sich dem Deutschrock widmete und zumeist eigene Songs im Programm hatte, darunter auch der Hit „Unterm Elefantenklo sah ich dich zum ersten Mal“, erinnert sich Sänger Christoph Handrack an die Anfänge. Seitdem spielt er mit Schlagzeuger Manfred Jung zusammen. Einzelne dieser „Taktlos“-Stücke spielt die Nachfolgeband „immer noch, zu besonderen Anlässen,“ lacht er. Nachdem Sängerin Rosa Grätz in den 90ern ausstieg, „haben wir beschlossen, fortan Blues zu machen. Es kommen ja immer wieder neue Leute dazu und damals hat sich das so ergeben.“Gab es denn einmal professionelle Ambitionen für die Blues-Ärzte? „Nee“, antwortet Handrack. „Wir konnten uns realistisch einschätzen. Und wir hatten ja alle unsere bürgerlichen Berufe.“ Der Sänger arbeitet als Psychiater und Psychotherapeut, der Harp-Spieler ist als Biologe an der Universität angestellt, der Gitarrist verdient sein Geld als Banker in Frankfurt, der Schlagzeuger ist Betriebswirt. Die Band war für Handrack immer ein Ausgleich für den Alltagsstress. „Und ehrlich gesagt, wenn man’s berufsmäßig macht, ist die Gefahr groß, dass der Spaß verloren geht, weil man dann muss.“ So waren die Gießener stets relativ frei von kommerziellen Zwängen. Mehr als sechs, sieben Auftritte im Jahr wurden nicht absolviert. Denn „das Musikmachen macht auch Spaß, wenn man sich im Keller trifft, wie zu einem musikalischen Stammtisch“.

Und welche sind die wichtigsten Einflüsse der Mittelhessen? Klassischer Chicago-Blues, etwa von Muddy Waters und Howlin‘ Wolf, ebenso wie die britische Spielart, etwa die Rolling Stones oder Eric Clapton. So entstanden in der letzten Zeit viele eigene Stücke. Nur solche finden sich auch auf der CD, die von der Band auch selbst aufgenommen und gemischt wurde. „In einem kleinen Fachwerkhaus meines Großvaters, das im Odenwald steht. Da haben wir die Sachen an einem verlängerten Wochenende aufgenommen. Es ist im Grunde wie ein Livemitschnitt.“Die CD klingt einerseits fast jazzig („Fool no more“), bringt dann aber auch einen traditionell druckvollen Ton („Waltz for Mama“) ins Ohr. Stets aber macht die charismatische Stimme von Keyboarder Handrack einen überzeugenden Eindruck. Zum Tanzen holen einen dann wieder Titel wie „Monkey Business“ ab.Die Verkaufserlöse der CD sollen an die Aktion „Musik statt Straße“ des gebürtigen Bulgaren Georgi Kalaidjiev fließen, wie schon unlängst beim Auftritt in den „Katakomben“ in der Kirche St. Thomas Morus. Auf die Bühne muss die Band aber vorerst verzichten, alle Konzerte sind bis auf Weiteres abgesagt. Vor wenigen Tagen etwa hätte ein Auftritt bei einer Lesung von TV-Schauspieler und Gefängnisarzt Joe Bausch angestanden, der sein Buch „Gangsterblues“ vorstellen wollte. Ihn haben die Doktoren bereits mehrfach begleitet. Allein in diesem Jahr waren drei Auftritte mit Bausch geplant.In der Coronazeit gab es zwar auch keine gemeinsamen Proben, aber es wurden online drei eigene neue Stücke produziert, die nach und nach entstanden, darunter ein Stück, das sich wenig freundlich mit dem US-Präsidenten beschäftigt. Demnächst sollen sie auf der Webseite der Band veröffentlicht werden.